„Duale Ausbildung ist unverzichtbar“

Die Lehre ist ein essenzieller Bestandteil des Arbeitsmarktes und sie entwickelt sich ständig weiter, um den zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden, meint WK-Fachkräftekooridator David Narr.

Die Lehre hat ebenso viel Tradition wie Zukunft. Zugleich ranken sich jedoch zahlreiche Mythen und Fehlinformationen rund um die Ausbildungsform, die nicht oder schon lange nicht mehr stimmen. David Narr, Fachkräftekoordinator der Wirtschaftskammer Tirol, räumt mit den neun hartnäckigsten Fake News auf.

1. Die Lehre hat nichts zu bieten, was andere Ausbildungen nicht auch bieten könnten.

David Narr: Das ist mehr als nur ein Trugschluss. Die Berufslehre kann genauso alles, was alle anderen Ausbildungen auch können – aber nicht nur das: Sie bietet zudem noch die Möglichkeit, das Erlernte, die Fertigkeiten und die Kenntnisse direkt im Echtbetrieb einzusetzen und zu schärfen. Und das macht sie zu einer herausragenden Ausbildungsform.

2. Die Lehre ist eine berufliche Sackgasse – wer einmal in seinem Lehrberuf arbeitet, bleibt dort.

Narr: Da muss man nicht einmal dagegen argumentieren. Sehr viele Beispiele herausragender Persönlichkeiten und ihrer Karrieren machen diese Annahme unhaltbar. Ich nenne einfach ein paar Beispiele: Artur Thöni, Fritz Unterberger, Eduard Fröschl sen., Anton Pletzer, Benjamin Parth, Josef Freisinger, Anton Mattle. Allesamt ehemalige Lehrlinge. Alle haben Karriere gemacht, weit über ihre ursprüngliche Ausbildung hinaus.

3. Lehre-Absolvent:innen verdienen im Schnitt weniger als Akademiker:innen.

Narr: Das mag einmal so gewesen sein. Heute kann ich ganz salopp sagen: Wer einen Blick in die Statistik wirft und rechnen kann, kommt auf ein anderes Ergebnis.

4. Als Lehrling muss man weniger können als als Student:in.

Narr: Das kommt ganz darauf an, wie man „können“ definiert. Ein Lehrling muss vom ersten Tag an praktisch arbeiten, Verantwortung übernehmen und sich in einem realen Arbeitsumfeld beweisen. Die Anforderungen sind direkt anwendbar und oft körperlich wie geistig herausfordernd. Student:innen hingegen bewegen sich stärker im theoretischen Bereich, analysieren, hinterfragen und arbeiten wissenschaftlich. Beides erfordert unterschiedliche Fähigkeiten – weder ist eine Lehre leichter noch ein Studium automatisch anspruchsvoller. Es sind schlichtweg zwei verschiedene Wege, die jeweils ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringen.

5. Nur mit einer Matura kann man beruflichen Erfolg haben.

Narr: Das stimmt so nicht. Beruflicher Erfolg hängt nicht allein von der Ausbildung ab, sondern von vielen Faktoren wie Fachwissen, praktische Erfahrung, Engagement und persönlicher Weiterentwicklung. Gerade in der dualen Ausbildung erwerben Lehrlinge früh praktische Fähigkeiten und sammeln wertvolle Berufserfahrung, die sie oft schneller in verantwortungsvolle Positionen bringt. Viele Meister, Unternehmer und Führungskräfte haben ihren Weg über eine Berufslehre gemacht. Letztlich führt nicht allein der Bildungsabschluss zum Erfolg, sondern was man daraus macht.

6. Lehrlinge bekommen wenig moderne Methoden vermittelt und sind nicht ausreichend auf die Jobs von morgen vorbereitet.

Narr: Lehrlinge stehen mitten in der betrieblichen Praxis und werden „state of the art“ ausgebildet. Wer sonst, als die oft im weltweiten Wettbewerb stehenden Unternehmen, kann besser auf die Zukunft vorbereiten?

7. Moderne Unternehmen stellen bevorzugt Akademiker:innen ein.

Narr: Kann sein, dass es solche geben wird. Mir fallen aber sehr viele ein, die dringend Lehrabsolventen suchen und nicht in ausreichender Zahl finden.

8. Die Lehre wird in einigen Jahren nicht mehr angeboten werden.

Narr: Das ist unwahrscheinlich. Die duale Ausbildung ist ein essenzieller Bestandteil des Arbeitsmarktes und sichert die Verfügbarkeit qualifizierter Lehrabsolvent:innen in zahlreichen Branchen. Natürlich wird sich die Berufslehre weiterentwickeln, Berufe werden sich verändern oder neu entstehen – aber das Prinzip der praxisnahen Ausbildung bleibt unverzichtbar. Ohne Lehrlinge fehlen in Zukunft Menschen, die tagtäglich essenzielle Dienstleistungen erbringen und Produkte herstellen, die unsere Gesellschaft benötigt. Angesichts zukünftiger Herausforderungen wie der Klimakrise und dem technologischen Wandel wird die duale Ausbildung in einigen Jahren sogar wichtiger sein als je zuvor.

9. Lehrlinge werden ihre Jobs an besser ausgebildete Universitäts-Absolvent:innen verlieren.

Narr: Das kostet mich ein Lächeln. Denn dann wird der ÖAMTC einen studierten Biologen zu einem Pannenfahrzeug auf der Autobahn schicken. Der kann zwar nicht die Panne beheben, aber die Insekten auf der Windschutzscheibe erklären.

Erschienen am 02.08.2025 in der Tiroler Tageszeitung

Das Wichtigste aus dem Artikel: 

Vielfalt der Lehre: Die Berufslehre bietet praktische Erfahrungen und Fähigkeiten, die in anderen Ausbildungsformen nicht immer vermittelt werden. Sie ist eine wertvolle Ausbildungsform, die den direkten Einsatz im Betrieb ermöglicht.

Karrierechancen: Die Annahme, dass die Lehre eine Sackgasse ist, wird durch zahlreiche Beispiele erfolgreicher ehemaliger Lehrlinge widerlegt. Viele haben ihre Karriere über die Lehre hinaus erfolgreich gestaltet.

Wachsender Wert der Weiterbildung: Die Lehre wird als entscheidender Bestandteil des Arbeitsmarktes angesehen, und die duale Ausbildung bleibt unverzichtbar. Sie wird sich weiterentwickeln, um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

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