„Gehirn benötigt Handwerker-Logik“

Die Arbeitswelt ist in vielerlei Hinsicht nicht hirngerecht. Der Neurobiologe Bernd Hufnagl erzählt im TT-Interview, warum Handwerker weniger Stress-gefährdet sind und wie das Gehirn vom Rasenmähen profitiert.

In der modernen Arbeitswelt haben psychische Jobbelastungen deutlich zugenommen. Viele suchen daher nebenihrer täglichen Arbeit einen Ausgleich in der Handarbeit, die einen tischlern, andere töpfern, wieder andere gehen in Backkurse.

Was passiert im Gehirn während der Arbeit mit den Händen? Bernd Hufnagl: Das ist eine ganz wichtige Frage. Weil in unserem Gehirn ein 150 Millionen Jahre alter Hirnteil nur eines beobachtet, nämlich ob er einen erkennbaren Zusammenhang zwischen unserer Anstrengung und deren Ergebnis sehen kann. Ob von der Energieinvestition, die Menschen täglich leisten, tatsächlich sofort, also zeitnah, ein Effekt zu erkennen ist. Diesen Effekt nenne ich die Rasenmäherlogik.

Was ist die Rasenmäherlogik? Hufnagl: Beim Rasenmähen sehen wir - also beim klassische Mähen ohne Roboter -, dass das Gras vor dem Mähen hoch ist, dann fahren wir mit dem Rasenmäher darüber und direkt dahinter beobachten wir den Effekt. Wir sehen also Ursache und Wirkung unserer eigenen Handlungsintention. Davon ist das Belohnungssystem unseres Gehirns abhängig. Das ist die Handwerker- oder Rasenmäherlogik. Durch die Digitalisierung haben wir dies verloren. Menschen sitzen nur noch vor irgendwelchen Geräten. Tippen, Wegklicken, Abspeichern. Für diesen Hirnteil, ich nenne ihn auch das Spitzmausgehirn, ist das leider Gift. Es ist ein Teil des nicht hirngerechten Arbeitens.

Was können wir tun? Hufnagl: Wir müssen im Selbstmanagement darauf achten, dass wir die Handwerkerlogik erfüllen. Gartenarbeit, etwas zu basteln, etwas zu erledigen, bei dem man ein Ergebnis sieht, und sei es nur, den Geschirrspüler auszuräumen, ist befriedigender, als eine E-Mail abzusenden. Warum? Weil das Belohnungssystem im Gehirn beim Absenden einer E-Mail kein Dopamin ausschüttet. Diese Dopaminspritze bekommt man beim digitalen Arbeiten nur sehr eingeschränkt. Laufen demnach Menschen in Handwerksberufen weniger Gefahr, zu viel Stress oder gar ein Burnout zu erleben? Hufnagl: Das würde ich schon sagen. Aber es heißt nicht, dass es ausgeschlossen ist. Die Wahrscheinlichkeit ist wesentlich geringer, weil Handwerker die Ursache und Wirkung ihrer Arbeit sehen. Das erkennen wir ebenfalls in der Produktion. Menschen, die etwa am Förderband stehen, sind häufig weniger von Burnout betroffen als Manager. Ein ganz großer Unterschied ist, dass sie die Arbeit nicht mit nach Hause nehmen können. Der Handwerker schließt seine Arbeit ab. Er kann zuhause nicht weiterarbeiten, weil er die Werkbank nicht mit hat. Aber der Manager mit Smartphone und Laptop schon.

Eine wichtige Erkenntnis aus der Hirnforschung ist das Tagträumer-Netzwerk, warum ist Nichtstun essenziell für die Arbeitswelt? Hufnagl: Beim Tagträumen aktivieren wir das Default-Mode-Netzwerk. Dieses Netzwerk in unserem Gehirn wird nur dann aktiv, wenn wir nichts tun, wenn wir ineffizient sind. Auf Österreichisch: wenn wir ins Narrenkastl schauen. Also, wenn wir auf einer Parkbank sitzen, ins Inntal blicken und einmal nur schauen. Oder im Zug sitzen und sinnieren. Im Alltag machen das noch die wenigsten Menschen. Wenn es aber immer mehr Menschen gibt, die gar nicht mehr in der Lage sind, diesen Modus zu aktivieren, ist das problematisch.

Warum? Hufnagl: Weil wir heute in der Forschung festgestellt haben, dass dieses Netzwerk ungemein wichtig ist. Nur wer ab und an tagträumt, bekommt eine Außenperspektive auf sein Leben und kann sich fragen: Habe ich den richtigen Job gewählt? Den richtigen Partner? Bin ich schon in einer Meinungsblase gefangen? Konzentriere ich mich noch auf Dinge? Diese Betriebsblindheit zu verhindern, ist im Job wichtig. Das ist das eine. Das andere ist Empathie. Wer nur noch funktioniert, nur noch To-do-Listen abhakt, ist nicht mehr in der Lage zu spüren, wie es den eigenen Kollegen, den Mitarbeitern oder den Mitmenschen geht. Wir beschäftigen uns immerzu und gönnen unserem Gehirn keinen Leerlauf. Wenn man diesen Modus nicht aktivieren kann, kann man sich auch nicht mehrregenerieren. Wir brauchen also viel mehr Gelegenheiten für Muße, Langeweile und Ineffizienz.

Dazu haben Sie und Ihre Kollegen Daten erhoben. Worum ging es dabei? Hufnagl: Wir haben 2004 begonnen, Menschen am Arbeitsplatz alleine in einen Raum zu setzen, und sie gebeten, für fünf Minuten aus dem Fenster zu schauen, also nichts zu tun. Der Raum war faktisch leer, nur ein Tisch, zwei Sessel, ein Computer und ein EKG. Wir simulieren quasi fünf Minuten erzwungene Auszeit und überprüfen mit dem EKG, ob sie in der Lage sind, zur Ruhe zu kommen. Von dem Ergebnis der ersten 2000 Daten waren wir entsetzt. Nur 30 Prozent konnten sich entspannen, 70 Prozent zeigten damals schon eine Stressreaktion, weil sie nicht mehrweiterarbeiten konnten. Im Hinterkopf hatten diese Menschen permanent ihre To-dos. 2018 haben wir wieder ermittelt, und zwar mit 60.000 Daten, in Österreich, Deutschland, der Schweiz und in Südtirol. Von diesen 30 Prozent, die sich im Jahr 2004 noch entspannen konnten, sind 14 Jahre später noch fünf Prozent übrig geblieben. 95 Prozent zeigen mittlerweile eine ausgewiesene Stressreaktion während dieser fünf Minuten. Und es wird schlimmer, Menschen stresst das, weil wir ihnen in diesen fünf Minuten Handy, Tablet oder Laptop wegnehmen. Diese Menschen halten es nicht mehr aus, nichts zu tun. In einem Interview sagten Sie:

"Mut, nichts zu tun, ist ein trivialer, aber wertvoller Tipp."

Warum braucht es Mut zum Tagträumen? Hufnagl: Die Mittagspause nicht durchzuarbeiten und mit den Kollegen beim Essen über den Job weiter zu diskutieren, sondern sich mit einem Apfel auf eine Parkbank zu setzen und zu sinnieren, ist mutig. Hirngerecht zu arbeiten, ist eine Win-win-Situation: Mitarbeiter bleiben gesund, neugierig und bekommen Abstand, Arbeitgeber haben aus langer Sicht leistungsfähige Mitarbeiter, die regeneriert und innovativ sind.

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Von Nina Zacke, erschienen am 18.10.2020 in der Tiroler Tageszeitung

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