Generation 60 plus auf Jobsuche

90 Prozent der Unternehmen glauben, dass Erwerbsarbeit in der Alterspension zunehmen wird.

Wien - Die Generation 60 plus will arbeiten. Etwa, um neben der Pension etwas dazuzuverdienen oder um etwas Sinnstiftendes zu tun. Und die Zahl steigt: Waren es im Jahr 2015 österreichweit 41.410 erwerbstätige Pensionsbezieher, erhöhte sich die Anzahl im vergangenen Jahr bereits um ein Sechstel. Tendenz steigend. Eine aktuelle Umfrage von Deloitte Österreich und dem Generationencafé Vollpension bestätigt diesen Trend: 90 Prozent der befragten Unternehmen glauben demnach, dass Erwerbsarbeit in der Alterspension an Bedeutung gewinnen wird. Noch stellen hinderliche steuerrechtliche Rahmenbedingungen sowie die Stigmatisierung von Pensionisten eine große Hürde in der Praxis dar.

Für die Studie wurden über 200 Unternehmen sowie 250 Personen ab 60 Jahren zu Erwerbsarbeit im Alter befragt. Und die Ergebnisse sind aufschlussreich: Mehr als zwei Drittel der befragten Personen über 60 klagen über ein zu geringes Stellenangebot. Warum bis dato nicht mehr Arbeitgeber nach dieser Zielgruppe suchen, weiß die Deloitte Expertin Elisa Aichinger: "Die befragten Unternehmen nennen am häufigsten den Kostenfaktor als Argument gegen die Zusammenarbeit mit Senior Hires." Als Senior Hires bezeichnen Experten erwerbstätige Personen über 60 Jahren - unabhängig davon, ob diese Personen eine Alterspension beziehen oder nicht.

Aber: Unsere Arbeitswelt verändert sich. Neben technischen Skills gewinnen insbesondere jene Fähigkeiten an Bedeutung, die im Laufe des Lebens aufgebaut und entwickelt werden. Dazu zählen etwa Erfahrungswissen, sozialeKompetenzen, das Erfassen komplexer Problemstellungen und Lösungsorientiertheit. Das seien allesEigenschaften, die Senior Hires in der Regel mitbringen, erklärt Aichinger. Dabei sind den Unternehmen die Vorteile durchaus bewusst: 89 Prozent der Betriebe sehen im Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch die wichtigsten Chancen in der Zusammenarbeit mit Senior Hires. Das erweise sich in unsicheren Zeiten als besonders wertvoll. "Laut unserer Studie zählen viele Unternehmen gerade im Krisenmanagement auf die Zusammenarbeit mit Senior Hires", betont die Deloitte-Direktorin. Senior Hires seien oft an alternativen

Beschäftigungsverhältnissen oder Teilzeitbeschäftigungen interessiert. Das ermögliche den Betrieben ein besseres Management von Kapazitäts- und Auslastungsschwankungen, so Aichinger.

Darüber hinaus verdeutliche die Umfrage jedoch auch, dass nach wie vor Vorurteile gegenüber der Leistungsfähigkeit im Alter bestehen, betont die Wienerin. Gerade die Stigmatisierung der Senior Hires gilt als Barriere. So äußerten knapp ein Fünftel der Unternehmen Bedenken über die Leistungsfähigkeit von Pensionisten.

Die Sorge der Unternehmen erweist sich allerdings als unbegründet: Dass die meisten über 60-Jährigen in Wahrheit agil und fit sind, haben wissenschaftliche Erkenntnisse längst bewiesen.

"Immer mehr Studien belegen, dass wir mit zunehmendem Alter keinen Leistungsabbau, sondern einen Leistungswandel erfahren", hebt Aichinger hervor.

Dennoch sei das Lebensalter im beruflichen Kontext weiterhin einer der größten Diskriminierungsfaktoren.

"Während man eine Person um die 60 im privaten Kontext oft als agil, fit und in der Mitte ihres Lebens bezeichnet, gelten Menschen in der traditionellen Berufswelt bereits mit 50 Jahren als alt." Das bekommen die erwerbstätigen Pensionisten ganz direkt zu spüren: Gut ein Viertel betrachtet die Stigmatisierung als Hürde in ihrem Arbeitsalltag.

Daneben ist für die Senior Hires das komplexe Steuerrecht eine zusätzliche Herausforderung. "Gerade auf steuerrechtlicher Ebene mangelt es sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Arbeitnehmern an Klarheit. Hier gibt es dringenden Optimierungsbedarf", ergänzt Aichinger.

Aufklärung, Austausch und tatsächliche Erfahrungswerte könnten langfristig dazu beitragen, der Stigmatisierung entgegenzuwirken, ist Aichinger überzeugt. Unternehmen, die bereits Erfahrungen in der Beschäftigung älterer Personen haben, bestätigen das: Sie schätzen die Potenziale einer Zusammenarbeit mit Senior Hires deutlich höher ein. Als positiver Business Case dient nicht zuletzt das Social Business Vollpension in Wien, in dem Senioren beschäftigt sind. Neben der Sensibilisierung der Generationen füreinander finde ein sehr wertschätzender Wissens- und Erfahrungsaustausch statt, von dem die Jungen genauso profitieren wie die Älteren. Die Vollpension habe ein Business geschaffen, das einen Mehrwert für alle Beteiligten biete. "An so einem Business Case können sich zukünftig sicher noch viele Unternehmen orientieren", untermauert Aichinger.

Von Nina Zacke, erschienen am 31.10.2020 in der Tiroler Tageszeitung

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