Jobportrait: Mit den Tätern arbeiten, um Opfer zu vermeiden

Bewährungshelfer Michael Klingseis unterstützt straffällig gewordene Menschen dabei, ihren Alltag und ihre Werthaltung zu reorganisieren.

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Innsbruck - "Ich werde oft gefragt, wie ich nur mit diesen Leuten arbeiten kann", erzählt Neustart-Bewährungshelfer Michael Klingseis. "Tatsächlich ist es herausfordernd, bestimmten Klienten respektvoll zu begegnen", erklärt er. Täterarbeit sei keine Geringschätzung der Opfer. "Indem man mit Tätern arbeitet, können weitere Opfer verhindert werden", betont er.

Bewährungshilfe kann statt einer Haftstrafe oder bei einer bedingten Entlassung aus einer Haft richterlich angeordnet werden. Aufgabe des Bewährungshelfers ist es, verurteilten Straftätern mit Mitteln der sozialen Arbeit dabei zu helfen, ein Leben frei von Straftaten zu führen. Gleichzeitig ist er aber auch ein Kontrolleur, der die Einhaltung der Auflagen an das Gericht berichten muss. Taucht ein Klient nicht mehr zu seinen Terminen auf, so muss Klingseis ihn aufsuchen. Bei Abbruch der Bewährungshilfe droht dem Klienten das Gefängnis.

Ein Treffen mit einem Klienten dauert in der Regel eine Stunde und kann sehr unterschiedlich aussehen: Etwa trifft man sich auf einen Kaffee oder zu einem Spaziergang. Auf jede Begegnung folgt die schriftliche Dokumentation. Meist begleitet Klingseis straffällig gewordene Menschen drei Jahre lang, bei härteren Fällen kann die Bewährungshilfe auch auf fünf Jahre angeordnet werden. Zu Beginn der Probezeit hilft er bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Er sei Koordinator für die verschiedenen Hilfen, die von Neustart und anderen Institutionen im Verbund angeboten werden, um Resozialisierung möglich zu machen. "Ich bin ein Rückfallrauchmelder", schmunzelt Klingseis. Er helfe den Leuten dabei, ihre Triggerpunkte kennen zu lernen und Instrumentarien zu entwickeln, um Wiederholungen der problematischen Verhaltensweisen zu vermeiden. "Oft können Straftäter nicht erklären, was sie angetrieben hat. Ich unterstütze sie dabei, die Ursachen für ihre Taten zu erkennen und diese in Worte zu fassen. So fallen sie eher nicht mehr in alte Muster zurück", erzählt der studierte Psychologe.

Kerngedanke der Aussetzung einer Strafe auf Bewährung ist die Haftvermeidung. "Menschen, die eine strafbare Handlung begehen, sind oft in einer prekären sozialen Lage oder können die Tragweite ihrer Taten nicht richtig einschätzen. Viele haben selber Opfererfahrungen", sagt Klingseis. "Das entschuldigt die Tat nicht. Aber Menschen, die ohnehin schon benachteiligt sind, noch zu deklassieren, hilft niemandem."

Berufsportrait:


Voraussetzungen: Mindestalter 24 Jahre, Interesse an unkonventionellen Lebenswelten, Begeisterung für Menschenrechte, Toleranz, Fähigkeit, ohne Team zu arbeiten und alleine zu entscheiden.
Ausbildung: Studium der Sozialen Arbeit, Psychologie oder Ähnliches. Danach ein- bis zweijährige Einschulung über Neustart. Jährliche Fortbildungen.

Von Natascha Mair, erschienen am 20.10.2019 in der Tiroler Tageszeitung

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