Jobportrait: Rechtsanwalt - Mit Kafka im Gerichtssaal

Als Rechtsanwalt will Mathias Kapferer mit Hilfe des Rechts gesellschaftspolitische Vorstellungen umsetzen, er stößt aber auch regelmäßig an die Grenzen seines Berufsstandes.

Seinen Beruf hat Mathias Kapferer nicht wegen Geld und Status gewählt. „Mein größter Antrieb ist es, gesellschaftspolitisch etwas zu bewegen“, erzählt der Innsbrucker Rechtsanwalt. Mit seiner Tätigkeit wolle er Menschen helfen, sagt er, und beweist dies seit Jahren, indem er immer wieder Fälle pro bono annimmt. „Menschen aus bildungsfernen, einkommensschwachen Schichten haben in unserem Rechtssystem einen klaren Startnachteil“, weiß Kapferer. Daran ändere auch das staatliche Verfahrenshilfesystem nichts, wenn es einem im Fall mangelnder finanzieller Mittel einen Verteidiger zuweise, der vielleicht in dem betreffenden Rechtsgebiet nicht einmal bewandert ist.

Abgesehen vom Reiz des gesellschaftspolitischen, theoretischen Aspekts der Anwaltei, mag Kapferer auch die Arbeit mit Menschen. Ein Muss für einen Rechtsanwalt, sagt er. Ständig habe man mit persönlichen Schicksalen zu tun, mit denen es sensibel umzugehen gelte. „Als Anwalt begleite ich Menschen sozusagen von der Wiege bis zur Bahre“, sagt er lächelnd.

„Eine so nah am Leben geführte Kanzlei wie meine trägt selbstverständlich auch ins eigene Leben hinein.“

Eine gesunde Distanz sei ratsam in dem Beruf. Auch weil es immer wieder Fälle gebe, die emotional sehr belastend seien. „Man vertritt als Anwalt manchmal Menschen, die einem privat gegen den Strich gingen. Aber jeder Täter hat ein Recht auf Vertretung“, sagt Kapferer.

Seinen Tag beginnt der Anwalt bereits um 4.15 Uhr morgens. Um halb sechs trifft man ihn schon in der Kanzlei an. Bis acht Uhr arbeitet er Akten ab, die er sich am Vorabend bereitgelegt hat. Dann folgen Telefonate, Besprechungen, Gerichtsverfahren oder Fallrecherchen. Während er gewisse Routinearbeiten schnell erledige, beschäftige ihn mancher Akt über Monate oder gar Jahre immer wieder. „Natürlich ist es auch eine Frage der Kompetenz, ob man ein guter Anwalt ist, aber abgesehen davon, braucht es viel Fleiß und Einsatz“, sagt Kapferer, der seine Arbeitstechniken und Routinen streng einhält und häufig erst in den Abendstunden nach Hause geht.

Gesetze und Paragraphen muss man als Jurist übrigens nicht alle im Kopf haben. „Man muss nur wissen, wo man suchen muss.“ Für seine Recherchen nutzt er nicht nur Rechtsdatenbanken und Fachaufsätze, sondern auch sein Netzwerk an KollegInnen und Institutionen, deren Zuarbeiten oft hilfreich und wichtig seien. „Und ohne mein tolles und kompetentes Kanzlei-Team ist die tägliche Arbeit ohnedies nicht zu schaffen“, sagt er. Die Anwaltei sei ein äußerst spannendes, manchmal aber auch absurdes Feld. „Kafka lacht schon immer wieder mal rein“, sagt Kapferer. Es sei unglaublich, was man oft mit Zufälligkeiten erreichen könne, während man andere Male erfolglos durch alle Instanzen gehe. Mehrmals habe er erlebt, wie Menschen an den Grenzen unseres Rechtssystems verzweifeln. „Manchmal könnte ich himmelhoch schreien aufgrund der Zustände“, sagt er.

Recht sorge eben nicht immer für Gerechtigkeit, genauso wie Staat und Polizei nicht immer im Recht seien. Gerade in der Strafverteidigung werde dies oft deutlich. Damit müsse man als Anwalt leben lernen. Andererseits tue es dann gut, wenn man doch einmal beweisen könne: „He, Staat, du darfst nicht alles tun mit deinen Bürgern!“

Berufsportrait:


Voraussetzungen: Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, Fähigkeit zur Abgrenzung, schnelle Auffassungsgabe, gute Ausdrucksfähigkeit (schriftlich und mündlich)
Ausbildung: Universitätsstudium Österreichisches Recht, fünfjährige praktische Berufsausbildung (mindestens sieben Monate bei Gericht oder Staatsanwaltschaft, mindestens drei Jahre in Rechtsanwaltskanzlei), Rechtsanwaltsprüfung

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Von Natascha Mair, erschienen am 19.06.2021 in der Tiroler Tageszeitung

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