„Sie stehen ungern im Rampenlicht“

Für introvertierte Menschen ist das Berufsleben heute sehr schwierig, sagt die Psychologin Christa Gasser. Über das oftmals unterschätzte Potenzial von Eigenbrötlern und die Vorteile von Home-Office.

Netzwerken, Smalltalk, Telefonate: Wie schwer oder leicht haben es introvertierte Menschen heute im Berufsleben?

Christa Gasser: Es ist sehr schwierig für introvertierte Menschen heute im Berufsleben. Oft bleiben sie auf der Strecke, gehen unter und können ihr wirkliches Potenzial nicht ausschöpfen. Dabei können diese Menschen häufig sehr gründlich und organisiert arbeiten, sie haben oft die Fähigkeit, sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzen zu können und sind nicht so schnell gelangweilt, brauchen nicht andauernd Abwechslung. Extrovertierte verkaufen sich besser, setzen sich laut durch, sind geselliger und stehen gerne im Rampenlicht. In Teams gibt es heutzutage viel Gruppendruck, Dauerkommunikation ist gefragt, es gibt viele Präsentationen, lange Teamsitzungen usw. Das ist sehr schwierig für introvertierte Menschen. Vor allem die so modern gewordenen Großraumbüros stellen eine extreme Belastung dar. Bei zu viel Team zählt irgendwann nur noch der Durchschnitt, es besteht ein starker Anpassungsdruck – und die wirklich brillanten Ideen haben keinen Platz mehr. Wichtigtuer sind in Aktion und, das bestätigt sogar die Hirnforschung, jemand mit besonderen Ideen hat Angst, diese mitzuteilen. Die Wahrnehmung verzerrt sich. Somit wird das Mittelmaß gefördert. Das sollte man nicht falsch verstehen – Teams können sehr unterstützend sein, wenn respektvoll und tolerant miteinander umgegangen wird und auch konstruktive Kritik ihren Platz hat. Es kommt immer auf das Maß an.

Was genau bedeutet es, introvertiert zu sein, im Vergleich zur Extrovertiertheit?

Christa Gasser: Introvertierte Menschen richten ihre persönliche Energie und ihr Denken, Fühlen und Handeln mehr auf ihre Innenwelt, während sich extrovertierte Menschen auf die Umwelt und die Kontaktaufnahme zur Außenwelt beziehen. Introvertierte Menschen regenerieren sich in der Ruhe, können im Alleinsein Energien auftanken, während sich extrovertierte Menschen im Kontakt zu anderen erholen können.

Introvertiertheit ist also nicht zu verwechseln mit Schüchternheit, richtig?

Gasser: Ganz genau, das ist sehr wichtig. Introvertierte Menschen müssen nicht schüchtern sein, sie sind oft auch sehr durchsetzungsfähig und haben Charisma. Wenn ich zum Beispiel von der Erkrankung Sozialphobie ausgehe, dann findet man diese auch bei extrovertierten Menschen.

Profitieren Introvertierte mitunter derzeit von der Corona-Krise, etwa wenn sie vermehrt im Home-Office arbeiten können oder Treffen zum Netzwerken nicht mehr stattfinden?

Gasser: Home-Office ist für introvertierte Menschen wirklich oft sehr positiv – wenn sie ein angenehmes Zuhause haben, die passenden Räumlichkeiten und ein harmonisches Familienleben. Ich habe Schüler erlebt, die plötzlich nicht mehr an ihren Nägeln gekaut haben, nicht mehr nachts eingenässt haben bzw. auch Ticks ablegen konnten.
 


Introvertierte haben es im Berufsleben oft schwer. Eine schriftliche
Vorbereitung auf ein Meeting könnte ihnen beispielsweise schon helfen.

 

Wie kann ich als Chefin oder Chef das Arbeitsleben eines introvertierten Mitarbeiters einfacher machen?

Gasser: Ein Chef oder eine Chefin sollte auf die Bedürfnisse des introvertierten Menschen eingehen. Davon kann jeder Betrieb nur profitieren. Beispielsweise könnten Teamsitzungen und Besprechungen thematisch vorangekündigt werden, sodass sich die betroffene Person in Ruhe vorbereiten kann. Extrovertierte Menschen denken, während sie reden, ein introvertierter Mensch denkt zuerst und spricht dann – also benötigt es Vorlaufzeit. Es wäre auch von Vorteil, Rückzugsmöglichkeiten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzubieten. Ebenso könnte der Chef oder die Chefin aktiv nach der Meinung des introvertierten Mitarbeiters oder der introvertierten Mitarbeiterin fragen. Denn, introvertierte Menschen haben oft wirklich die allerbesten Ideen. Die größten Entwicklungen der Menschheit wurden von introvertierten Menschen hervorgebracht: zum Beispiel die Evolutionstheorie von Charles Darwin oder auch die Relativitätstheorie von Albert Einstein. Musikstücke, die über Jahrhunderte noch Hits sind, wurden von Eigenbrötlern komponiert. Aber auch in Führungspositionen machen introvertierte Personen eine gute Figur – zumal sie nicht ständig ein großes Getue um ihre Person veranstalten.

Was kann ich als betroffene Person selbst tun, um meinen Energiehaushalt nicht überzustrapazieren?

Gasser: Die Betroffenen könnten versuchen, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren – aber nicht als Defizit. Ebenso könnten sie sich gut auf Gespräche, Teamsitzungen und Telefonate im Vorfeld vorbereiten – am besten eine schriftliche Vorlage anfertigen. Für sich persönlich wäre es wichtig zu überlegen, welche Voraussetzungen sie arbeitstechnisch brauchen – wie eine eigene Gebrauchsanleitung.

Zur Person


Christa Gasser ist Klinische- und Gesundheitspsychologin sowie Arbeitspsychologin und führt eine psychologische Praxis in Innsbruck.

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