Web-Interviews: Glänzen von zuhause

Wenn ein persönliches Treffen schwer möglich ist, werden immer mehr Online-Bewerbungsgespräche geführt. Dabei gilt es Tücken zu erkennen. Ein Geschäftsführer und eine Unternehmensberaterin im Gespräch.

Kirchberg, Absam – An das schönste Online-Bewerbungsgespräch kann sich Willi Steindl, Geschäftsführer vom Hotel Sonne in Kirchberg, noch gut erinnern: Die Bewerberin für den Job als Rezeptionsleiterin befand sich gerade an einem Strand auf Bali. "Das Gespräch fand aufgrund der Kulisse in einer tollen Stimmung statt und war dann auch sehr produktiv", erinnert sich Steindl. 2012, mit erst 20 Jahren, hat Steindl die Leitung des Hotels von seinen Eltern übernommen. Seit damals hat Steindl schon unzählige Bewerbungsgespräche über Zoom oder Skype geführt. Auch wenn ein Strand als Traumkulisse in den meisten Fällen nicht möglich ist, der Hintergrund muss unbedingt passen. "Einmal sah ich, dass es in der Wohnung sehr unordentlich aussah, und eine halbleere Flasche mit Alkohol war auch plötzlich zu erkennen, das macht gar kein gutes Bild", erklärt Steindl. Die Vorteile von Online-Bewerbungsgesprächen liegen für den jungen Hotelchef, der oft Bewerber aus dem Ausland hat, auf der Hand: "Es ist einfach praktisch, immer und überall möglich." Nachteile gebe es sowohl für ihn als Chef als auch für den Bewerber: Die Körpersprache des Bewerbers könne laut Steindl nur eingeschränkt beurteilt werden und der größte Nachteil in Zeiten des Fachkräftemangels: "Der Bewerber kann sich kein richtiges Bild vom Betrieb,von den Arbeitskollegen und von den Arbeitsgeräten machen. Fotos und Videos vom Hotel sind für mich kein wirklicher Ersatz", so Steindl.

Karin Jungmann, Unternehmensentwicklerin aus Absam, ist der Meinung, dass Online-Bewerbungsgespräche nicht für jedes Unternehmen und nicht für jeden Bewerber passend sind. Sie erkennt auch Tücken des Online-Bewerbungsgesprächs. "Es kann passieren, dass der Bewerber in den eigenen vier Wänden zu locker ist. Mit dem Schritt über die Schwelle eines Unternehmens schlüpft man ja in eine bestimmte Rolle. Wenn dieser Schritt nicht erfolgt, ist man möglicherweise nicht ganz im "Arbeitsmodus", erklärt Jungmann. Sie empfiehlt, dass möglichst wenige Menschen an einem Online-Bewerbungsgespräch teilnehmen. Es sollte nicht länger als eine Stunde dauern. Wichtig sei es außerdem, immer in die Kamera und nicht, wie viele es tun, auf den Monitor zu schauen. Der Bewerber sollte sich laut Jungmann bereits eine halbe Stunde davor mental auf das Gespräch einstellen und unbedingt sicherstellen, dass die Technik funktioniert. Für den Personaler oder Chef ist es wichtig, auch bei einem Online-Bewerbungsgespräch eine klare Gesprächsstruktur zu haben. Dadurch ist die Vergleichbarkeit der Kandidaten besser gegeben. Wichtig sei es aber auch, Punkte nicht nur abzuarbeiten, sondern gut zuzuhören und sich von der Struktur nicht einengen zu lassen. Jungmann hat während der Quarantäne-Zeit einige Gespräche per Video geführt und war positiv überrascht.

"Die Hemmschwelle gegenüber Online-Meetings ist bei mir und sicher auch bei anderen während des Lockdowns gesunken. Die zwischenmenschliche Ebene funktioniert auch virtuell gar nicht schlecht", erklärt Jungmann.

Generell ist sie der Meinung, dass sich die Arbeitswelt in einer Transformationsphase befindet. Es werde immer wichtiger, Neues einfach mal auszuprobieren, und zwar nicht nur in puncto Bewerbungsgespräche. "Wir brauchen in vielerlei Hinsicht neue Methoden und Ansätze, dazu noch mehr Offenheit und kreative Geister",so Jungmann. Sie ist der Meinung, dass sich Unternehmen nach der Corona-Krise nicht mehr nur vom Kostenfaktor leiten lassen sollten. "Höher, schneller, weiter" werde nicht mehr wie bisher möglich sein, es brauche mehr Individualität, so die Unternehmensentwicklerin.

 Von Denise Neher, erschienen am 30.05.2020 in der Tiroler Tageszeitung

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