Wer gut schläft, ist im Job kreativer

Schlaf hat etliche positive Effekte, etwa auch auf die Produktivität und Kreativität im Job. Die Psychologin Sabine Senn erzählt im TT-Interview, warum und wie wichtig ein Power-Nap am Arbeitsplatz wäre.

Inwiefern hängt guter Schlaf mit Kreativität zusammen?

Sabine Senn: Einer der beeindruckendsten und wundervollsten Effekte von Schlaf auf das Gedächtnissystem ist Kreativität. In der Traumphase oder REM-Phase wird im Gehirn Wissen miteinander verknüpft, das man unter wachen Umständen niemals miteinander in Verbindung bringen könnte und würde. So entstehen ganz ungewöhnliche Verknüpfungen. Das heißt, im Traum werden ungeheure Mengen an Wissen verarbeitet und daraus allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten und Regeln entworfen. Beeindruckend ist das besonders im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Informationen, Problemlösestrategien und Kreativität. Wenn wir also nach Träumen in der REM-Phase aufwachen, verfügen wir über ein geändertes Skript in unserem Gehirn, das es möglich macht, kreativere Lösungen zu finden.

Daraus folgt: Wer nicht gut und ausreichend schläft, ist im Job weniger kreativ?

Senn: Ich würde ganz klar sagen, dass Kreativität langfristig, so wie wir sie in unserem Alltagsleben verstehen, abnimmt, wenn unser Schlaf auf Dauer gestört ist, und zwar, weil uns Schlafstörungen krank machen. Es leiden sehr viele Gehirnprozesse, unter anderem eben auch die Kreativität. Guter Schlaf hält auf jeden Fall physisch und psychisch gesund. In meiner Praxis mache ich die Erfahrungen, dass es kaum eine psychische Störung gibt, die nicht auch mit gestörtem Schlaf zusammenhängt. Schlafmangel macht krank. Als Beispiel: Depressive Personen mit Schlafstörungen sind kaum in der Lage, sich zu konzentrieren, Neues zu Lernen, schier alle Gehirnprozesse verlaufen in depressiven Phasen sehr mühsam ab.

Unterschätzen wir die Wirkung des Reparaturprogramms Schlaf?

Senn: Ja, absolut. Kein Regenerationsprogramm in unserem Körper ist so effektiv wie ein gesunder Schlafprozess. Es gibt verschiedene Schlafphasen, in denen komplexe Stoffwechselprogramme in genauen Abfolgen passieren. Im Schlaf werden z. B. Emotionen im Gehirn geordnet und Lösungen für schwierige Probleme gefunden. Auch für körperliche Funktionen geschehen im Schlaf zahlreiche wichtige Erholungsprozesse: Das Herz schlägt langsamer, der Blutdruck sinkt. Ein regelrechter Hormoncocktail aus Melatonin, Wachstumshormonen oder Leptin sorgt dafür, dass unser Körper sich ruhig und entspannt fühlt, die Schilddrüse ihren Stoffwechsel anregt oder Hunger verhindert wird. Ausreichend gesunder Schlaf ist ganz plakativ gesagt ein Booster für unser Immunsystem: Krankheiten und Infektionen können damit verhindert werden. Für unsere Gesundheit ist ausreichend Schlaf also unabkömmlich!

Warum würden Führungskräfte langfristig davon profitieren, ihren Mitarbeitenden flexible Arbeitszeiten zu gewähren, um eventuell Schlaf nachzuholen oder Mittagsschlaf zu halten?

Senn: In der Schlafmedizin werden im Hinblick auf Schlafenszeiten verschiedene Schlaftypen unterschieden, die aufgrund ihrer inneren biologischen Uhr einen unterschiedlichen Schlaf Wach-Rhythmus haben. Es gibt Morgenmenschen und Abendmenschen. Morgenmenschen stehen früh auf, fühlen sich gleich wach und fit und sind in der Früh besonders leistungsfähig. Abendmenschen bleiben gern länger im Bett, frühes Aufstehen fällt ihnen schwer, ihr Leistungshoch ist erst später am Tag. Flexible Arbeitszeiten können deshalb sinnvoll sein, weil es den Menschen die Möglichkeit gibt, nach ihrem biologischen Rhythmus zu arbeiten (in dem sie auch produktiver und konzentrierter sein können), ohne dass es Leistungseinbußen gibt. Allerdings müsste man sich bei den flexiblen Arbeitszeiten die Arbeitszeitgestaltung an sich etwas genauer anschauen. Es ist nämlich nicht effektiv, 10 Stunden ohne Pause durchzuackern.

Gerade der Mittagsschlaf gilt hierzulande als verpönt, während die Auszeit zur Mittagszeit in südlichen Ländern gerne und gut gelebt wird. Wie wichtig wäre ein kurzes Schläfchen im Büro?

Senn: Schlaf am Arbeitsplatz ist Doping für das Gehirn. So schreibt der Schlafforscher Hans-Günther Weeß in seinem Buch „Schlaf wirkt Wunder“. Und er hat Recht. Ein Mittagsschläfchen oder Power-Nap am Arbeitsplatz führt dazu, dass weniger Fehler gemacht werden, konzentrierteres Arbeiten fällt wieder leichter. Ein kurzes, also etwa 15- bis 20-minütiges Mittagsschläfchen fördert das Reaktionsvermögen und die Gedächtnisleistung nimmt zu. Das heißt, man wird dadurch kreativer und produktiver. Ein ganz toller Nebeneffekt ist der, dass ein kurzer Mittagsschlaf zudem die Laune bessert.

Zur Person: Sabine Senn hat Psychologie in Innsbruck studiert, anschließend Spezialisierung in Klinischer Psychologie und Gesundheitspsychologie. Sie ist seit 2017 in eigener Praxis in Leutasch, seit 2018 in Gemeinschaftspraxis in Innsbruck mit den Schwerpunkten Bio- und Neurofeedback tätig.

Von Nina Zacke, erschienen am 30.04.2021 in der Tiroler Tageszeitung.

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